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Lob der Zwölf
Sie sind einmalig. Jedes Symphonie-Orchester hat zwar seine Cellogruppe,
aber daß sich die tiefen, großen Streicher als eigenständige Formation,
als Orchester im Orchester zusammengetan und von einem Erfolg zum andern
gespielt haben, das gibt es weltweit nur dieses eine Mal. Deshalb weiß
jeder Musikkenner, wohin die Zwölf Cellisten gehören, selbst wenn der
Name ihres Orchesters nicht fällt. Sie sind eine Institution. Seit 1972
musizieren sie nun zusammen und treten als Ensemble auf, manchmal in Berlin,
öfter auswärts, ganz oft in weiter Ferne. Selbst die Premiere mit einem
abendfüllenden Programm fand nicht in Berlin, sondern in Tokio statt;
in die japanische Hauptstadt führen bis heute die besten Verbindungen.
Die Besetzung der Gruppe hat sich im Laufe der Jahre geändert; Gründer
gingen in den Ruhestand, jüngere Kollegen rückten nach. Kontinuität und
Erneuerung verbanden sich in der Geschichte der zwölf Cellisten zu einer
produktiven Allianz. Sie können es hören.
Vorgeschichte
Die Zwölf erfüllten sich und ihrem Publikum, woran andere nur dachten.
Mindestens zwei große Namen stehen für die Vorgeschichte der Idee, die
heute so nahe zu liegen scheint, und die doch so lange niemand zu verwirklichen
wagte. Beide Vordenker waren große Virtuosen ihres Fachs.
Der geschichtliche Hintergrund einer Idee
Der
geschichtliche Hintergrund einer Idee Pablo Casals soll von einem Orchester
geträumt haben, das nur aus Violoncelli besteht - eine ungewöhnliche Idee,
aber auch wieder nicht ganz so neu. Sie beweist ein gutes historisches
Gedächtnis. Denn zur Zeit der Musik, die man heute die "Alte" nennt, also
vor drei- bis vierhundert Jahren, gab es sogenannte Gambenkonsorts, kleine
Ensembles, die nur mit den zarter klingenden Cousinen des Violoncello
besetzt wurden, den Viole da gamba, den Violen, die man zwischen den Beinen
und nicht mit dem Arm hielt. Gut: Man baute diese Mehrsaiter mit dem leicht
nasalen Klang und den Bünden am Griffbrett damals in verschiedenen Größen
und in diversen Tonlagen. Ein Gambenkonsort verfügte also über hohe und
tiefe Stimmgruppen. Das unterscheidet sie von einem reinen Celloensemble.
Doch die Klangfarbe war in ihrer Grundform ähnlich einheitlich. - Pablo
Casals unternahm einige Vorstöße, um seinen Traum vom reinen Kniegeigen-Ensemble
Wirklichkeit werden zu lassen. Der große spanische Cellist kannte sein
Instrument und dessen Möglichkeiten genau, und er wußte wohl: nur mit
der tiefen Abteilung der Streicher würde sich ein monoinstrumentales Orchester
erfolgreich verwirklichen lassen. Ernsthafte Konkurrenz ist nicht zu befürchten.
Stellen Sie sich eine Bühne voller Violinisten vor, kein einziges anderes
Instrument wäre dabei. Die Musiker könnten vieles bieten, ihre Geige könnte
jubilieren und brillieren, sie könnten ihre Virtuosität bis in die höchsten
Höhen an den Rand der Hörbarkeit führen oder sich zu zart gewobenen Klangteppichen
beruhigen - sie könnten durch Zupfen, Schlagen, Klopfen, Dämpfen und Forcieren
ihrem Teufelsgerät ein wahres Kaleidoskop an Klangbildern entlocken -
irgendwann würde man bei diesem Treiben das Fundament vermissen, es würde
nur noch Sehnsucht wecken: den dringenden Wunsch nach der musikalischen
Tragkraft der Tiefe. Den aber könnten selbst die Bratschen nicht erfüllen
- allenfalls die Kontrabässe noch, aber denen fehlte dann in der Höhe
die nötige Durchsetzungskraft, das kleine Quentchen Schärfe, das die Celli
immer noch besitzen, auch wenn sie sich in den Klangbezirken der Flöten
und Geigen bewegen. Unsere Umgangssprache hat zwar für ihre Bilderwelt
bisher nur die scharfen, hohen und lauten Instrumente entdeckt. Den Himmel
läßt sie voller Geigen hängen, doch dieses operettige Sphärenerlebnis
wurde für Menschen ausgedacht, die mit beiden Füßen auf dem festen Boden
der Tatsachen stehen. Für die Erdung des Kunstgenusses selbst aber ist
hauptsächlich das Violoncello zuständig, denn es steht sogar mit drei
Beinen auf solidem Grund: mit einem eigenen und zwei menschlichen, die
es stützen. Kein Zweifel: Das Violoncello ist das eigentlich universale
unter den Orchesterinstrumenten. Es ist in allen Bereichen des weiten
Klang und Hörspektrums von den sonoren Tiefen bis in die schrillen Höhen
zu Hause. Seine Kantilenen zeichnen sich durch einen eigenen Reiz aus,
wenn sie im großen Orchester ansetzen, wird man immer Zeuge eines besonderen
Ereignisses. Im Drama einer musikalischen Partitur setzen die Celli nicht
selten die Ausrufezeichen. Vom schönen Klang bis zum dumpfen Schlag, vom
edlen Gesang bis zu irritierenden Geräuschnebeln ist alles möglich, und
ein wohlgeformter Körper sorgt bei der Riesenvielfalt musikalischer Aktionen
immer für gute Resonanz. Pablo Casals war sich über die verborgenen Talente
des Violoncellos völlig im Klaren. Er förderte sie mit einer eigenen Komposition,
sinnigerweise einem Tanzstück, einer "Sardana", deren Heimat Katalanien
ist. Er setzte sie für ein Cello-Orchester, das über mindestens 32 Leute
verfügen muß. Das war 1927.
Die Anfänge der 12
Ein anderer Meister seines Fachs hatte sieben Jahre zuvor schon kammermusikalische
Vorarbeit geleistet. Julius
Klengel, Cellovirtuose, -pädagoge und -komponist, schrieb 1920 einen Hymnus
für zwölf Violoncelli; zusammen mit elf auserwählten Studenten soll er
ihn seinem Freund Arthur Nikisch (1895-1922 Chefdirigent des Berliner
Philharmonischen Orchesters) als Ständchen zum 65. Geburtstag dargebracht
haben. Zwei Jahre später erlebte das Werk seine für lange Zeit letzte
Aufführung: das getragene Stück mit dem tonal mutigen Anfang wurde Ende
Januar 1922 zu Nikischs
Begräbnis gespielt. Fünfzig Jahre danach aber sorgte die Kuriosität des
Leipziger Virtuosen und Komponisten für ein historisches Ereignis. Mit
Klengels Werk begann die Geschichte der Zwölf Cellisten, die jetzt schon
25 Jahre umfaßt. Das kam so: Kenntnisreiche und findige Salzburger Redakteure
hatten die musikgeschichtliche Einmaligkeit in Archiven aufgespürt. Sie
fragten beim wichtigsten Festivalorchester ihrer Stadt, den Berliner Philharmonikern,
an, ob deren Cellogruppe zu einer öffentlichen Rundfunkaufnahme des hymnischen
Widmungsstücks bereit wäre. Die Musiker bejahten. Das Unternehmen wurde
ein durchschlagender Erfolg. Er verlangte nach Fortsetzung. Dazu aber
mußten zwei wichtige Voraussetzungen geschaffen werden: Stücke für ein
Repertoire und ein Management für Auftritte.
Ein neues Repertoire
Für das erste sorgte unter anderem jene Art von Zufall, der gern mit
den Erfolgreichen und Tatkräftigen ist. Wer die Geschichte der Zwölf Cellisten
ein wenig mitverfolgt hat, kennt gewiß die wahre Anekdote von der fünfzehnjährigen
Komponistentochter, die sich bei Regenwetter per Autostopp durch Berlin
bewegte und von einem, der die Adresse und die dahinter wohnende Prominenz
gut kannte, bis vor die Haustüre gebracht wurde. Zum Dank brachte sie
ihren Vater dazu, eine Komposition für die Cellogruppe des Philharmonischen
Orchesters zu schreiben: So entstand in drei Lieferungen eines der Werke,
die zum festen Repertoire der Zwölf und zu den beliebtesten Arbeiten ihres
"Erfinders" wurde: Blues, Espanola und Rumba philharmonica für zwölf Violoncelli
soli von Boris Blacher, eine dreiteilige Tanzsuite, die drei Zentren des
leidenschaftlichen Tanzes einen avantgardistischen Besuch abstattet: den
Afro-Amerikanem in den USA, Spanien und Südamerika. Die Erweiterung des
Repertoires kam durch Aufträge zustande. Dabei taten sich die beiden ungleichen
Städte, die sich heute noch Bürde und Würde einer deutschen Hauptstadt
teilen müssen, besonders hervor. Beide vergaben ihre Arbeiten als souveräne
Europäer ins westliche Nachbarland, nach Frankreich. Berlin machte den
Anfang. Die Festspiele GmbH orderte bei Jean Francaix, dem originellen,
eigenwilligen Neoklassizisten, der ästhetische Schulen und Stilzwänge
ablehnt. Zu seinem viertelstündigen "Morgenständchen" ließ er sich durch
Reisebriefe der George Sand inspirieren. Er
versprach viel: "Das Finale meiner 'Aubade' läßt die Instrumente dröhnen
- wie die Automobile beim 24Stunden-Rennen von Le Mans, meiner Geburtsstadt,
so laut, daß selbst taube Zuhörer klatschen werden, angefeuert noch durch
die blitzschnellen Striche der Cellobögen und die dämonischen Gesichter
der zwölf Virtuosen." Theater gehört eben zur Musik. Uraufführung der
freundlich temperamentvollen Serenade: 30. September 1975, Neue Nationalgalerie
Berlin - das erste abendfüllende Konzert vor heimischem Publikum. Bonn
verpflichtete lannis Xenakis, den rationalistischen Klangzauberer, der,
griechischer Abstammung, in Rumänien geboren, Paris zu seiner Wahlheimat
machte. Der Architekt, Mathematiker und Komponist verlangt in seinem "8-Minuten-Thriller"
(Wolfgang Stresemann) so ziemlich alles, was Cellisten tonlich und im
Zusammenspiel geben können. Virtuosität ist auf allen Ebenen gefordert:
technisch, im Erfassen des Ganzen, im Hören und Reagieren. Die Uraufführung
fand am 20. November 1976 in Gegenwart des damaligen Bundespräsidenten
Walter Scheel in Bonn statt. Weitere Werke kamen hinzu. Michael Braunfels,
der Kölner Komponist, schrieb 1975 ein 'Symposium' für die Zwölf, Marcel
Rubin komponierte 1976 im Auftrag der Wiener Festwochen ein 'Concertino',
Helmut Eder für Salzburg seine "Melodia-Ritmica". Die Schwetzinger Schloßfestspiele
gaben bei Günter Bialas die "Assonanzen" in Auftrag, für die Luzerner
Festwochen entwickelte Rudolf Kelterborn eine "Scene für 12 Cellisten",
Wolfgang Fortner griff 1983 auf das alte Genre des Madrigals zurück, mit
Udo Zimmermanns Canticum Marianum verband sich der erste Auftritt der
Zwölf in der DDR, bei den Dresdener Musikfestspielen. Ein reiches Repertoire
- ein modernes Repertoire - darin haben die Zwölf der philharmonischen
Gesamtdramaturgie manches voraus. Jedes Jubiläum der Zwölf aber bringt
eine Neuheit. 1992 schenkte Wolfgang Rihm sich zum Vierzigsten und den
Cellisten zum Zwanzigsten einen "Augenblick". 1997 kam der Glückwunsch
in Partitur von Brett Dean mit dem Stück: "Twelve angry men".
Symbol und Praxis oder: Die Unverzichtbaren
Die Zwölf ist eine mythische Zahl, sie steht für Vollkommenheit. Zwölf
Monate machen ein Jahr komplett und zwölf (Halb-)Töne eine Oktav, in zwei
Mal zwölf Stunden haben Tag und Nacht je einmal ihre Runde gemacht. Zwölf
Stämme bildeten das alte Volk Israel, zwölf Vertraute begleiteten den
Gründer der hier landläufigen Religion und trugen seine Lehre durch die
Lande, zwölf Tore führen in das himmlische Jerusalem, die erträumte Stadt
einer freien Menschheit. Zwölf Cellisten beschäftigen die Berliner Philharmoniker
- die Zahl birgt Hintersinn, die bloße, mythenfreie Tatsache aber wirft
mancherlei praktische Schwierigkeiten auf. Sie fordert Findigkeit und
Witz heraus. Denn wenn die Zwölf in eigener Sache unterwegs sind, kann
der Rest des Orchesters einpacken, es wäre denn Blasmusik angesagt, und
das ist selten der Fall. Es gibt zwar symphonische Literatur ohne Geigen,
aber (fast) keine ohne Celli. Ihnen kommt eben im Orchester doch eine
Schlüsselfunktion zu, man mag es drehen und wenden, wie man will: Sie
sind unverzichtbar. Ihre Auftritte können demnach nur in der dienstfreien
Zeit liegen, dann, wenn weder Konzerte, noch Aufnahmen, noch Proben auf
dem Terminplan stehen. Konzerttage liegen zwar weit im Voraus fest, auch
die Produktionstermine für Platten und andere Medien; Probenpläne aber
können sich kurzfristig ändern, und so müssen die Zwölf in ihre Verträge
immer eine Sonderklausel einbauen, die sonst nur für den Fall höherer
Gewalt gilt: Sie sind nur unter gesamtphilharmonischem Vorbehalt zu haben,
denn Orchesterdienst geht vor Nebentätigkeit, wie exklusiv und imagebildend
diese auch immer sein möge. Ernstliche
Konflikte hat es deswegen in der Geschichte der Zwölf noch nicht gegeben,
aber manche brenzlige Situation, die gewiß in die Anekdotensammlung des
Orchesters eingehen wird. Wenn zum Beispiel die höhere Gewalt in Gestalt
des himmlischen Wetterdienstes den philharmonisch-cellistischen Planungen
ein eisiges Schnippchen schlug, war höchste organisatorische Kreativität
verlangt. So an jenem ersten Dezembersonntag des Jahres 1986, dem Tag,
an dem der Eisregen kam. Für abends, 21 Uhr, war im Dom zu Frankfurt am
Main ein Benefizkonzert unter der Schirmherrschaft des damaligen Oberbürgermeisters
Walter Wallmann vereinbart. Alles war perfekt durchorganisiert. Hin sollte
es per Flugzeug gehen, für die Rückreise mußte der Nachtzug gewählt werden,
denn am nächsten Morgen war Probe unter Herbert von Karajan. Der Zug,
der einzige in jenen Zeiten der deutsch-deutschen Trennung, ging nachts
um halb elf, Spielraum war also wenig, die Planung war professionell minutiös.
Am späten Nachmittag aber setzte in Berlin der Eisregen ein. Er putzte
die Stadt zumindest verkehrspolitisch spiegelblank. Die Flüge ab Berlin
wurden gestrichen. Was tun? Hier half nur das kluge Zusammenspiel zwischen
internationalen und persönlichen Verbindungen. Ein PanAm-Pilot, Freund
eines der zwölf Cellisten, erreichte das fast Unmögliche: die Starterlaubnis
für eine Maschine, die er persönlich nach Frankfurt flog, die Musiker
an Bord. Der angekündigte Konzertbeginn war bereits verstrichen, als in
Frankfurt die Landeerlaubnis erteilt wurde. Auch das nur mit Mühe, denn
über der Mainmetropole hing inzwischen dichter Nebel; die meisten Flüge
wurden nach Stuttgart umgeleitet. Der Pilot aber fand die rettende Lücke
und landete sicher. Vom Flughafen ging es für zehn der zwölf Cellisten
in schneller Fahrt zum Dom. Dort warteten die zwei übrigen auf ihre Kollegen
und teilten dem gebannt-gespannten Publikum mit, wo sich die zehn Findigen
aus Berlin gerade befanden. Als sie eintrafen, wurden sie mit enthusiastischem
Applaus begrüßt, als sie ihr notgedrungen verkürztes Programm beendet
hatten, wurden sie ebenso begeistert verabschiedet. Der Beifall galt,
wie immer, ihrer künstlerischen, in diesem Fall aber auch ihrer organisatorischen
Leistung.
Vom hohen Wert der Diplomatie
Nichts ist schwieriger zu schreiben als die Geschichte eines anhaltenden
Erfolgs. Sie wirkt auf dem Papier im krassen Gegensatz zur Wirklichkeit
leicht monoton und verkehrt damit die Qualität der Ereignisse in ihr Gegenteil.
Musiker werden, besonders wenn sie aus Berlin kommen, auswärts an strengen
Maßstäben gemessen: man betrachtet sie als Botschafter ihrer Stadt und
gar ihres Landes. Die zwölf Cellisten hatten mit dieser Rolle nie Schwierigkeiten,
sie haben sie perfekt ausgefüllt. Was den diplomatischen Rang musikalischer
Ensembles betrifft, dürften sie unangefochten die Spitze halten. Wie oft
wurden sie zu Präsidentenempfängen geladen; Staatsoberhäupter sollten
sie zu Auslandsreisen begleiten. Wem sonst ist es schon gelungen, im Allerheiligsten
des japanischen Staatswesens, im Kaiserpalast von Tokio, zu konzertieren?
Die Zwölf waren dort schon fünfmal eingeladen und wurden dabei sogar von
Ihrer Majestät, der Kaiserin Michiko am Flügel begleitet. Sie waren mit
von der Partie, als Richard von Weizsäcker 1988 Schweden einen Staatsbesuch
abstattete. Sie haben ihre Anhänger und ihre Lobby in den höchsten Etagen
dieser Republik, sie genießen Ansehen und Vertrauen, und an sie wendet
man sich auch, wenn es um die Organisierung wirksamer und schneller Hilfe
geht. Sie gaben ein Benefizkonzert für die Erdbebenopfer im japanischen
Kobe; in Frankfurt/Main spendeten sie ihre Konzerteinnahmen für den Kampf
gegen die Multiple Sklerose; sie widmeten ihren Auftritt der großen Jacqueline
du Pré, die an dieser schrecklichen Krankheit starb; sie spielten in Potsdam
zugunsten des Hoftheaters im Neuen Palais.
(Habakuk Traber)
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