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Prélude
Wirklich 12? Wenn Sie auf die Website der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker
schauen, werden Sie schnell eines Besseren belehrt. Es verhalte sich mit
dem Ensemble nämlich genau umgekehrt wie mit der Seeräuberbande
aus Michael Endes «Jim Knopf und die Wilde 13»: .225x250.jpg) Die
Wilde 13 besteht eigentlich nur aus 12 Räubern (sie können nur
nicht zählen), und die 12 Cellisten sind in Wirklichkeit 13 (und
sie können zählen). 1991 wurde die Cellogruppe der Berliner
Philharmoniker um eine Stelle aufgestockt, und jetzt sitzt also immer
einer auf der Ersatzbank – in Zeiten arger Terminnot eine willkommene
Absicherung.
Auf den ersten Blick ist das aber wirklich der einzige Bezug zu Endes
Seeräuberbande. Wenn die 12 Cellisten auf die Bühne kommen und
ihre Bögen ziehen, dann werden sie mit Sicherheit keine rauhen Gesänge
anstimmen, auch wenn sie ihr Spiel mitunter durch vokale Äußerungen
ergänzen (kompositionsbedingt, versteht sich). Und eine Prügelei
um die Frage, wer denn nun der Hauptmann sei, hat es, soweit man weiß,
bisher auch noch nicht gegeben.
Und doch: Die Geschichte eines Kammerensembles, das vor dreißig
Jahren fast ohne Repertoire begann, das seitdem von Erfolg zu Erfolg eilt,
Präsidenten, Kaiser, Könige, Komponisten, Kritiker und uns Normalsterbliche
in seinen Bann zieht, für das mittlerweile praktisch eine ganz neue
Musikgattung zusammenkomponiert und -arrangiert worden ist, eine solche
Geschichte ist so wundersam und einmalig, dass sie auch der Fantasie eines
Kinderbuchautors entsprungen sein könnte.
Allemande: Erklärungsversuche
Wie kommt es nun, dass diese 12 Cellisten zwar oft kopiert, aber nie
erreicht wurden, dass ein Ensemble, bei dem heute nur noch ein Mitglied
der Erstbesetzung mitstreicht, seine Erfolgsgeschichte und dazu ein schönes
Kapitel Musikgeschichte einfach immer weiterschreibt, dass es bei ihm
weder geistige noch »Material«-Ermüdung zu geben scheint?
Drei Gründe drängen sich auf: Es handelt sich um 12 Cellisten,
es handelt sich um 12 Cellisten, und es handelt sich um 12 Cellisten der
Berliner Philharmoniker.
Dass die Zahl 12 keine gewöhnliche Zahl ist, sondern symbolisch,
religiös und mythologisch schwer beladen, ist hinlänglich bekannt.
Viel profaner, aber in diesem Fall entscheidender, mag sein, dass 12 Celli
genug sind, um eine kammerorchestrale Klangpracht zu entwickeln, die auch
große Konzertsäle füllt. Zudem lassen sich 12 identische
Instrumente für Komponisten und Arrangeure wunderbar in zwei, drei,
vier oder sechs gleiche Gruppen aufteilen. Dass es 1972, als mit der Salzburger
ORF-Aufnahme von Julius Klengels Hymnus durch die 12 Cellisten alles seinen
Anfang nahm, eben auch nur dieses eine Stück für ihre Besetzung
gab, kann im Nachhinein also nur als ein tragischer Irrtum der Musikgeschichte
bezeichnet werden – den man mittlerweile allerdings als korrigiert
betrachten darf: Die »12« sind bisher mit Kompositionen geradezu
überschüttet worden. Die guten bekommen wir zu hören, die
schlechten liegen überwiegend im Keller von Rudolf Weinsheimer, Gründungsmitglied
und bis 1997 Manager und Motor des Ensembles: »Anderthalb Meter
Stücke, die wir nur kurz angespielt haben …«
Zur Zeit der Salzburger »Initialzündung« mit Klengels
Hymnus hatte das Violoncello schon seinen Siegeszug angetreten, es hatte
sich zu einem Modeinstrument gemausert. Bei Profi-, Volkshochschul- und
Ärzteorchestern wurde Cellistenmangel bald zum Fremdwort. Als nun
Weinsheimer nach besagter Aufnahme bei der Heimfahrt zu der Überzeugung
gelangte, »da muss man jetzt was machen«, konnte er noch nicht
ahnen, dass er damit dem Cellistenboom gewissermaßen den Turbo zuschalten
würde.

Denn die »12« haben das Celloensemble aus seiner Insider-Nische
hervorgeholt – und damit ein für alle Mal legitimiert. In jeder
Größe wird es heute rege praktiziert, Rekord bisher: Cellissimo
grandioso mit 1013 Cellisten im japanischen Kobe, Mitinitiator und -organisator:
Rudolf Weinsheimer. Und wenn man hört, wie vier finnische Kollegen
Heavy Metal auf ihren Kniegeigen sägen, dass die Wände wackeln,
dann weiß man, dass heute keine Musik mehr sicher davor ist, für
Celloensemble verwurstet – oder vielmehr: veredelt – zu werden.
Die großen Cellisten Pablo Casals und Julius Klengel als Ahnherren
dieser Idee streichinstrumentaler Monokultur wären hochzufrieden.
Wussten sie doch schon immer: Wenn es ein Instrument gibt, mit dem man
so etwas machen kann, dann ist es das Cello. Es spricht zu uns in unserer
eigenen Tonlage und kann dabei das Bedürfnis nach ausschweifender
Kantilene ebenso befriedigen wie das nach sattem Fundament, es kann rhythmisch
prägnante, schroffe und jazzige Akzente setzen oder sich in einem
Universum ätherischer Klangmalerei verlieren – alles klingt
überzeugend und original, die entsprechende Meisterschaft des Cellisten
vorausgesetzt.
So viel Gutes färbt natürlich ab auf die Menschen, die hinter
dem wohlgeformten Holzkorpus sitzen und ihn bedienen. Sie haben einen
weiten Horizont, blicken gerne über ihren Tellerrand und sind »multi-tasking-fähig«,
ihr Instrument erzieht sie dazu. Als Cellist muss man sich in die wuchtigen
Dimensionen eines Kontrabasses einfühlen können, wenn es darum
geht, im Einklang mit dem großen Bruder das Orchester von unten
zu stützen. Genauso muss man immer bereit sein, den Geigen als melodieführende
Gegenstimme Paroli zu bieten. Und man muss mitunter die klangliche Mitte
besetzen – und dies mit einer Souveränität, die einem
auf politischem Terrain jede große Volkspartei neiden würde.
Die Herausforderung, sich im Orchester musikalisch in das Ganze »hineinzuorganisieren«,
ist für Cellisten also besonders groß. Nimmt es da Wunder,
dass die »12« bei so viel erlerntem Organisationstalent es
in den dreißig Jahren ihres Bestehens auch noch prächtig verstanden
haben, sich selbst zu managen, zu vermarkten, den schmalen Grat zwischen
Orchesterdienst und Privatleben zu nutzen, um ihr Ensemble auf Konzertpodien
und Schallplatten bzw. CDs zu platzieren? Bis zu 25 Auftritte im Jahr
werden absolviert – und die Nachfrage übersteigt hier regelmäßig
das Angebot –, Tourneen führen das Ensemble um die ganze Welt,
und das Dutzend Tonträgerveröffentlichungen ist auch bald voll.
Doch letztlich entscheidend für soviel Erfolg sind künstlerisches
Profil und technische Meisterschaft. Und hier ist es alles andere als
ein Zufall, dass es sich eben um die Cellogruppe des Berliner Philharmonischen
Orchesters handelt. Um in dieses Orchester überhaupt aufgenommen
zu werden, bedarf es schon außergewöhnlicher Fertigkeiten.
Aber es zeichnet das Berliner Ensemble aus, dass man im Orchesterdienst
sein individuelles Profil auch bewahrt und einbringt. Ludwig Quandt, seit
1993 Solocellist: »Wir müssen alle ein bisschen exhibitionistisch
veranlagt sein, es als Genuss empfinden, sich produzieren zu können.
Es ist eine Grundstimmung, dass jeder so spielt, als wäre er Solist,
im Ensemble wie im Orchester. Es ist bei uns Tradition, dass auch das
letzte Pult Vollgas gibt, im positiven Sinne natürlich, d.h., dass
die Extreme an jeder Stelle im Orchester in gleichem Maße ausgekostet
werden.« Dass der Klang dabei so homogen bleibt und wie das Zusammenspiel
perfekt, macht die große Kunst der Berliner aus – und so auch
die der »12«: Orchestermusiker sein, Solist bleiben.
Courante: Zwei kurze Episoden
Sonntag, 15. September 1974, öffentliches Festkonzert der Deutschen
Welle im Römisch-Germanischen Museum in Köln. »Unter einem
weitgeschwungenen antiken Bogen musizierten die Cellisten von Deutschlands
Eliteorchester für die Völker der Welt …«, ließ
die Kölner Rundschau später verlauten. Neben zahlreichen Prominenten
war auch der damalige Bundespräsident Walter Scheel mit Gattin anwesend.
Dieser hatte kürzlich seine Version von »Hoch auf dem gelben
Wagen« eingesungen und einen regelrechten Hit gelandet, dessen Erlös
dann wohltätigen Zwecken zugeführt wurde. .160x120.jpg) Die
12 Berliner Cellisten wussten davon und ließen es sich nicht nehmen,
als nach gewohnt erfolgreichem Programm die Zugabenforderungen kein Ende
nehmen wollten, zum Schluss eine extra für sie eingerichtete Version
des alten Volkslieds zu spielen. Ob der Bundespräsident mit einstimmte,
ist nicht überliefert, aber er bedankte sich hinterher bei jedem
einzelnen Cellisten mit Handschlag, und die Kölner Rundschau schrieb
abschließend: »Da sage einer, der Deutschen Welle sei es nicht
gelungen, die Bezüglichkeiten von 2000 Jahren europäischer Kultur
zum heutigen Deutschland und seiner Staatsspitze zu demonstrieren.«
Korea, Fußballweltmeisterschaft 2002, Seoul am Tag des Spiels um
den dritten Platz: Korea gegen die Türkei. Das Konzert der »12«
findet nachmittags statt, abends tritt dann Koreas »11« an.
Die ganze Stadt vibriert, Seoul ist fußballtrunken. Die Musiker
verstehen die Situation. 3.000 Menschen befinden sich im Konzertsaal,
und nach dem Programm werden die Cellisten gefeiert und die üblichen
Zugaben gefordert. Soweit alles beim Alten. Doch dann geschieht etwas,
mit dem wohl niemand im Publikum gerechnet hat: Zur Zugabe erscheinen
die Berliner in den roten Korea-Fan-T-Shirts und stimmen eine eiligst
von einem koreanischen Arrangeur geschriebene Version des Liedes an, mit
dem die Koreaner im Stadion ihre Mannschaft anfeuern. Die Wirkung auf
das Publikum ist unglaublich, der Konzertsaal verwandelt sich in ein brodelndes
Stadion, mindestens 12:0 für die Berliner Cellisten.
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Sarabande: Solocellist Georg Faust über die Probenarbeit
»Für ein neues Stück brauchen wir sicherlich fünf
bis sieben ausgedehnte Proben. Man muss immer in Betracht ziehen, dass
wir ohne Dirigenten spielen, und die Werke sind oft sehr komplex geschrieben,
weil es ja nicht die übliche Verteilung von oben nach unten gibt
– Cello 1 ist oben und Cello 12 ist unten –, sondern es wechselt
permanent. Um das nahtlos, homogen und trotzdem noch individuell zu spielen,
braucht man einfach viel Probenzeit. Der gemeinsame Puls muss erst erarbeitet
werden, denn jeder fühlt ein Tempo natürlich ein bisschen anders.
Deshalb ist letztlich die Erfahrung im Konzert so wichtig, da ist die
Konzentration am höchsten. Zudem kann man als Cellist vorne nicht
so leiten wie ein Dirigent oder wie ein Konzertmeister. Mit der Geige
ist man doch wesentlich beweglicher, man kann mehr Zeichen geben. Als
Cellist kann man mit dem Kopf wackeln, und das war’s schon.
 Wenn
wir ein neues Werk bekommen, dann entscheiden zunächst Ludwig Quandt
und ich, wer es als erster Cellist führen soll. Der hat dann die
Aufgabe, das Stück mit der Partitur für sich zu lernen, zu gucken,
wo Probleme sind, wo man besonders arbeiten muss. Und der hat dann auch
das Recht, die Probe erstmal zu leiten, um die Grundstruktur zu legen.
Dann kommt ein Prozess gemeinsamer Arbeit in Gang: Kleinere Gruppen, die
bestimmte Passagen gemeinsam spielen, sprechen die Bogenstriche ab, es
kommen Vorschläge für Tempo oder Dynamik … Deshalb ist
es auch so aufwendig, denn wir möchten in gewisser Weise die Demokratie
im Ensemble leben. Es haben alle wirklich gleiches Recht, sich zu äußern
und Vorschläge zu machen, und dann wird natürlich oft diskutiert
– es sei denn, es herrscht extremer Zeitdruck: Da muss man auch
mal sagen, wo es langgeht. Man kann dann immer noch diskutieren, wenn
das Konzert vorbei ist, aber erstmal geht es darum, etwas auf die Beine
zu stellen. Insofern, denke ich, haben wir eine ganz gute Mischung gefunden
zwischen Frontführung und Basisdemokratie.«
Bourée I: Rudolf Weinsheimer über Crossover
»Da gab es eine ZDF-Sendung mit Caterina Valente, Verliebt in Musik.
Das ZDF rief an: ›Herr Weinsheimer, wir wollen gerne die 12 Cellisten
haben.‹ Ich war gerade mit meiner Frau in Timmendorf und fragte
sie, was wir denn da bloß vortragen könnten. Sie meinte, wir
sollten doch mal Yesterday von den Beatles spielen. Ich hatte von den
Beatles gar keine Ahnung, und deshalb habe ich erstmal den Arrangeur Werner
Müller angerufen, den damaligen Leiter des RIAS-Tanzorchesters. Der
hat zugesagt und auch gleich noch den St. Louis Blues arrangiert. Das
waren dann die beiden ersten Stücke dieser Art. Die kamen im Fernsehen
so fantastisch an, dass wir sie danach immer als Zugabe in Konzerten gespielt
haben. Und dann hatte der Kollege Klaus Häussler eines Tages die
Idee, eine ganze CD mit Beatles-Titeln aufzunehmen – und damit ging
es dann los. Der eine oder andere hat vielleicht schon mal gesagt, ›das
können wir doch nicht machen‹, aber dann hat er den Erfolg
verspürt ...«
Bourée II: Wilhelm Kaiser-Lindemann über Crossover
»Als ich den Bossa Nova schrieb, hatte ich die 12 Cellisten nie
vorher live gehört. Und danach hagelte es Anfragen, ›Wir brauchen
Arrangements, nehmen wir doch unseren Kaiser Wilhelm‹. Das empfand
ich natürlich als Auszeichnung. Das war fantastisch, denn vom rein
Technischem her gesehen, aus Komponistensicht, wusste ich, ich soll etwas
für Leute schreiben, von denen jeder so gut ist, dass er in jedem
anderen A-Orchester in Deutschland Solocellist sein könnte.  Dann
habe ich mich mit den beiden Berliner Solocellisten abgesprochen und sie
gefragt, ob es ihnen recht sei, wenn sie auch mal nur ›schrumm-schrumm-schrumm‹
machen und die anderen zeigen können, was sie drauf haben. ›Aber
ja, bitte, nicht immer wir, sondern auch die anderen, für keinen
soll es langweilig sein.‹ Und das ist für einen Schreiber –
egal ob Komponist oder Arrangeur – natürlich eine traumhafte
Situation. Als ich dann das erste Mal hörte, wie sie den Bossa Nova
spielen, dachte ich nur, meine Güte, so etwas hast du noch nicht
erlebt.
Caravan zum Beispiel ist richtig schwer geworden, ich habe ihnen Arrangements
in die Hand geschrieben, also Improvisationen für sie in Noten fixiert,
und da wurde es wirklich haarig. Aber sie haben das gespielt, da wuchs
jeder über sich selbst hinaus. Wenn man diese absoluten Weltklassemusiker
fordert, dann explodiert etwas.
Ein ganz starkes Erlebnis waren für mich die beiden Negro Spirituals,
Deep River und Nobody Knows The Trouble I’ve Seen. Ich dachte mir,
das ist ein Gebet, und dann habe ich es ihnen so arrangiert, wie ich es
für mich auf dem Klavier spiele. Zur Probe war ich dann in Berlin
und setzte mich gleich vorne hin, ›okay, dann dirigier ich mal‹,
doch nach dem ersten Stück sagte ich, ›Herrschaften, ohne mich,
ich störe hier nur‹. Dann haben sie alleine weitergespielt,
und ich habe mich in die Ecke gesetzt und konnte meine Tränen vor
Ergriffenheit von dem, was sie daraus gemacht haben, nicht unterdrücken:
Diese 12 Burschen, die für jeden Blödsinn zu haben sind, die
haben auf einmal wirklich gebetet. Und so ist es mit jedem Stück,
das ich ihnen geschrieben habe, jedes kriegt sofort ein Eigenleben, und
hinterher habe ich den Eindruck, es stammt nur noch die Hälfte von
mir.«
Gigue: Zahlen und Fakten
Am Anfang war Klengel: Im Vorfeld der Salzburger Osterfestspiele 1972
ging in Berlin die Anfrage des Österreichischen Rundfunks ein, ob
man Klengels Hymnus für 12 Celli aufnehmen könne. Man konnte.
Die erste Probe des Ensembles fand am 19. Februar in Berlin statt, die
öffentliche Produktion dann am 23. März im Salzburger Mozarteum.
Dann folgte Blacher. Das Schicksal wollte es, dass schon am Tag nach
der Rückkehr der Cellisten aus Salzburg die 15-jährige Tochter
des Komponisten, Tatjana, bei strömendem Regen an der Straße
stand und eine Mitfahrgelegenheit suchte. Ein netter Mensch erbarmte sich.
Dieser nette Mensch war Rudolf Weinsheimer, und nachdem er wusste, wen
er da chauffierte, erzählte er der jungen Dame geistesgegenwärtig
von den Repertoirenöten des Ensembles und bat sie, doch einmal mit
ihrem Vater zu sprechen. Tatjana leistete ganze Arbeit, und Boris Blacher
schrieb den 12 Cellisten eine Rumba philharmonica, später ergänzt
durch Blues und Espagnola.
Es folgte eine Auftragskomposition von Helmut Eder, eine barocke Gamben-Suite
von David Funck wurde ausgegraben und alles mit Heitor Villa-Lobos’
Bachianas Brasileiras Nr. 1 für immerhin acht Celli abgerundet. »Dann
hatten wir plötzlich ein ganzes Programm«, erzählt Rudolf
Weinsheimer, »das haben wir bestimmt 250 Mal gespielt, in der ganzen
Welt.«
26. Oktober 1973, die Okuma-Hall der Waseda-Universität in Tokio:
Hier geben die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker ihr erstes abendfüllendes
Konzert. Der Riesenjubel wiederholt sich beim zweiten Konzert im Salzburger
Mozarteum am Ostermontag des folgenden Jahres. Auch im Publikum: Herbert
von Karajan, der nach eigener Aussage jetzt erst wusste, was er von seinen
Cellisten verlangen konnte.
Der Triumphzug der »12« hatte begonnen, Konzertveranstalter
entdeckten das Ausnahmeensemble und Komponisten spitzten ihre Feder. Das
Repertoire wuchs schnell, Jean Françaix, Marcel Rubin, Iannis Xenakis,
Rudolf Kelterborn, Cäsar Bresgen, Werner Thärichen, Noam Sheriff,
Udo Zimmermann, Günter Bialas, Wolfgang Fortner, Arvo Pärt sind
nur einige der Namen, die sich bereitwillig der Herausforderung stellten;
dazu kamen Arrangements von Werner Müller, Rolf Kühn und Shigeaki
Saegusa.
Die Cellisten bereisten die Welt, wurden in Israel mit dem Staatspreis
ausgezeichnet, gaben Konzerte beim Nato-Gipfel in Bonn, bei der KSZE-Konferenz
in Budapest und beim Staatsbesuch des damaligen Bundespräsidenten
in Stockholm. In Tokio spielten sie im Kaiserpalast, von Ihrer Majestät
Kaiserin Michiko am Flügel begleitet. Im Jahr 2000 feierte das Ensemble
vor 5.000 Zuhörern ein umjubeltes Debüt bei den Londoner Proms.
The Guardian vergab die höchste Auszeichnung (5 Sterne), und die
London Times schrieb: »Wenn es ein Nirwana gibt, so kennen diese
Musiker den Weg dorthin.« Neben vielen weiteren Ehrungen wurde den
Musikern 1982 der Deutsche Schallplattenpreis verliehen und 2001 der Echo
Klassik für ihre CD »South American Getaway«, die man
außerdem für einen GRAMMY nominierte.
Ihr diesjähriges Jubiläum feiern die »12« mit dem
heutigen Festkonzert, mit einer Asien-Tournee und mit ihrer neuen CD »’Round
Midnight«, auf der das Ensemble mit dem Startrompeter Till Brönner
ein besonderes Crossover-Experiment wagt. Auch für die Zukunft ist
gesorgt: Man erwartet Kompositionen von Helmut Lachenmann, Matthias Pintscher
und Christian Jost. Und nächstes Jahr soll endlich das lang ersehnte
Debüt in der New Yorker Carnegie Hall stattfinden. In zwei Jahren
werden die Musiker dann ein Stück für 12 Celli und Orchester
von Tan Dun uraufführen, dirigiert von Sir Simon Rattle. Dieser ist
schon jetzt ein Fan des Ensembles: Auf der jüngsten CD kann man ihn,
begleitet von seinen 12 Cellisten, als versierten Rapper hören –
vielleicht ein Symbol für eine neue Ära in der Geschichte der
Berliner Philharmoniker.
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