Die 12 Cellisten auf dem Dach der Philharmonie Berlin, 2002Die 12 Persönlichkeiten

Jan Diesselhorst – der Philosoph
Wenn man morgens in der Philharmonie das Streicherzimmer betritt, sitzt dort häufig schon Jan Diesselhorst, einen philosophischen Wälzer lesend, den seine Cello-Kollegen lieber bewundernd aus der Ferne betrachten. Jan ist ein Cello spielender Humanist, und einer der Menschen, von denen man sagen kann, dass sie wirklich gebildet sind. Hin und wieder zieht er nach dem Konzert aus seinem Spind eine Flasche besten Grappas. Philosoph zwar – aber kein Asket!

Richard Duven – der Ernsthafte
Es kommt vor, dass Proben der 12 Cellisten in allzu große Ausgelassenheit abzugleiten drohen. Es ist dann meist Richard Duven (auch Mitglied im Scharoun-Ensemble und engagierter Streiter für Neue Musik), der alle wieder aufs rechte Gleis führt. Mit Übersicht und Diplomatie führt er die Orchester-Diensteinteilung der Cellogruppe. Hierbei hilft ihm eine gute Portion Sturheit, ohne die seine verehrten Cellokollegen nicht zu bändigen wären. Er kennt nicht nur alle dienstlichen Details, sondern ist auch bestens informiert, wenn es auf den Orchester-Reisen um Besichtigungen, Ausflüge und Wanderungen geht.

Georg Faust – der Sensible
Als Initiator und Manager Rudolf Weinsheimer 1997 das Ensemble verließ, sah es für einen Moment so aus, als sei es nun vorbei mit den 12 Cellisten. Wäre da nicht Georg Faust gewesen, der – um den Laden zu retten – zunächst alles in Eigenregie übernahm, vom Engagieren der Busfahrer über Diskussionen mit Komponisten und Veranstaltern bis zum Einrichten des Notenmaterials. Dabei ist er eigentlich keine Managernatur, sondern eher sensibel gestrickt: Im ganzen Orchester amüsiert man sich über seine Empfindlichkeit, was Hotelzimmer angeht. Während andere Kollegen nach der Ankunft erstmal erschöpft ein Nickerchen machen, schnappt sich Georg Faust sofort eine nette Dame von der Rezeption und durchstöbert mit ihr und einem Generalschlüssel bewaffnet das Hotel nach Zimmeralternativen, die nach dem chinesischen Feng-Shui mehr Harmonie verströmen.

Christoph Igelbrinck – der Komiker
Der im Nebenberuf hervorragende Pianist ist die Frohnatur des Ensembles. Eher zu spät als pünktlich zu den Proben eintreffend, kann er jederzeit Kollegen oder Dirigenten imitieren, die Probenarbeit auf Sächsisch kommentieren (er beherrscht sämtliche deutschen Dialekte perfekt) oder mit brillanten Wortspielen völligen Nonsens verbreiten. Bis dann Richard Duven … (siehe oben).

Martin Löhr – der Magier
Bei den Aufnahmen zur CD »South American Getaway« wurde ein Promotionfilm gedreht, und da das Filmteam die richtigen Namen der 12 Cellisten noch nicht kannte, gab es ihnen erfundene: Martin Löhr war »Latin Lover«. Als die Nummer 12 im Ensemble hat er tragende und impulsgebende Funktionen, und gerne reißt er zwischenzeitlich mal das ganze Ensemble von der Bassstimme aus mit. Seine geheime Passion ist die Zauberei. Auch wenn er nicht gerade Tiger verschwinden lässt, sind seine Tricks doch allemal virtuos genug, dass keiner der Kollegen sie durchschaut.

Olaf Maninger – der Businessman
Er spielt Golf, er ist elegant, er ist cool: Olaf Maninger ist Medienvorstand der Berliner Philharmoniker, und auf diesem glatten Parkett bewegt er sich so brillant, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Er sieht nach dem Rechten, wenn es um die Medienverträge der 12 geht. Niemand durchschaut das Geflecht der Paragraphen besser, nichts entgeht seiner scharfen Analyse. Wäre er nicht gleichzeitig ein so guter Musiker mit so großer Liebe zum Orchester, säße er sicher schon im Aufsichtsrat eines Medienkonzerns.

Martin Menking – der Manager
Mit der Übernahme des Ensemble-Managements, mit der er Georg Faust viel Arbeit und noch mehr E-Mails und Faxe sowie einen Kofferraum voller alter Programmhefte, Kritiken, Fotos und Korrespondenz abgenommen hat, ist Martin so etwas wie die Seele der 12 Cellisten geworden. Was seine Kollegen nur immer wieder erstaunt, ist seine Fähigkeit, scheinbar unbegrenzt Nahrung in sich aufnehmen zu können. Nie ist er ohne »Grundversorgung« in Form von Stullen, Kekspackungen, Thermoskanne oder Wasserflasche anzutreffen. Trotzdem hält er nach wie vor auf und hinter der Bühne sein ideales Spielgewicht.

Ludwig Quandt – der ideale Kollege
Uneitel, selbstlos, mittragend, engagiert, in jeder Hinsicht unterstützend – so wünscht man sich seinen Pultkollegen. Georg Faust hat ihn gefunden: Ludwig Quandt. Selbst die Frage, wer denn nun ein bestimmtes Solo spielen darf, entzweit die beiden Solocellisten nicht – notfalls wird eine Münze geworfen. Nur wenn es gar nicht vorangeht, wenn eine Diskussion zu kleinlich geführt wird, wenn seine Kollegen nicht mit gleicher Konzentration wie er selbst arbeiten, dann kann seine Stimmung plötzlich umschlagen, dann geht es von Null auf Hundert, dann stampft er schon mal kräftig mit dem Fuß auf und knallt seinen Bogen aufs Pult. Erfrischend!!

David Riniker – der Schweizer
Er macht seinem Land alle Ehre: David Riniker musiziert mit der Präzision und Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks. Eigentlich hatte er, 24 Jahre jung, für die Aufnahme in die Karajan-Orchester-Akademie vorgespielt. Aber er wurde abgelehnt! Überqualifiziert! Stattdessen fragte man ihn, ob er nicht am nächsten Tag ein weiteres Probespiel machen wolle – diesmal für eine Stelle bei den Berliner Philharmonikern. Die Konkurrenz war chancenlos. Inzwischen hat er sich zum gewieften Arrangeur für die 12 Cellisten gemausert, denen er Dinge abverlangt, von denen keiner wusste, dass sie auf dem Cello möglich sind.

Nikolaus Römisch – der Berliner
Immer quirlig, manchmal frech, und wenn’s drauf ankommt, unglaublich hilfsbereit – Nikolaus Römisch ist der einzige waschechte Berliner im Ensemble. Mit seiner „Berliner Schnauze“ hat er zu allem und jedem immer einen Kommentar auf den Lippen – ob passend oder unpassend. Er ist inzwischen unverzichtbar als Organisator von Probenterminen, die nur dank seiner Hartnäckigkeit überhaupt zustande kommen.

Dietmar Schwalke – der Stille
So witzig wie unscheinbar, so vielseitig wie unerschütterlich – an Dietmar Schwalke entdeckt man immer wieder andere Facetten, die man gar nicht vermutet hätte. Mit Akribie und Phantasie hat er die Website der 12 gestaltet, ein Haus gebaut, spielt in mehreren philharmonischen Kammermusik-Ensembles und hat nebenbei auch noch vier (fast) erwachsene Kinder.

Solène Kermarrec – die Unkapriziöse
Früher war es ihre besondere Freude an den Stränden ihrer französischen Heimat auf einem Pferd an der Atlantikküste entlang zu reiten, heute spielt sie als erste Frau in dem Ensemble der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker. Übrigens ist sie ein großer Fan der Gruppe „Depeche Mode“ ...

Knut Weber – der Beliebte
Die große Integrationsfähigkeit des Österreichers und seine konstant gute Laune machen ihn im Ensemble rundum beliebt, sein Aussehen lässt die Herzen junger Damen schneller schlagen – wie die E-Mail-Adresse eines weiblichen Fans belegt: Knut-tut-gut@…de. Mit leichter Hand und Übersicht betreut er das umfangreiche Notenarchiv der 12, versorgt alle mit den benötigten Stimmen und sorgt dafür, dass angesichts ständig wechselnden Repertoires keine Panik ausbricht.

Georg Faust, Dietmar Schwalke und Knut Weber während der Aufnahmen zur CD 'Round Midnight', 2002



Fettnäpfchenrekord

Der Moderations-Tiefpunkt des Georg Faust

Juni 2000. Von überallher sind Vertreter von Sparkassen nach Berlin gekommen, um den „Weltsparkassentag“ zu feiern. Ein Höhepunkt soll das Festkonzert der 12 Cellisten im Kammermusiksaal der Philharmonie werden. Kurz vor dem Konzert wenden sich die Veranstalter an Georg Faust:

„Sie führen ein bisschen durchs Programm?“
– Ja. –
„Sehr schön, eh, es sind so viele internationale Gäste da, könnten Sie Deutsch und Englisch sprechen?“
– Ja, ich versuch’s … –
„Ach übrigens, die spanische Königin ist anwesend, könnten Sie diese bitte extra begrüßen?“
– Aber gerne. –
„Und Sie könnten ihr doch sicher am Schluss diesen Blumenstrauß überreichen?“
– Ja, selbstverständlich. –

Einspielen fürs Konzert entfällt heute, Georg entwirft schnell ein spontanes Moderationskonzept. Nicht vergessen: Sparkassentag, spanische Königin … „Ich fühlte mich in dem Moment völlig überfordert. Ich fragte Olaf Maninger, ob er nicht vielleicht moderieren … oder Martin … und Christoph wollte doch immer schon mal …? Nein?“

Georg greift also zum Mikrofon und begrüßt frohgelaunt die Teilnehmer des Weltsparkassentags zur „Sparkassentagung“, worauf der für das Engagement zuständige Cellist Martin Menking innerlich zusammenbricht. „Dann wusste ich nicht, was Sparkasse auf Englisch heißt. Ich probierte es mal mit: Welcome to the German Sparkasse. Da haben alle noch gelacht.“

Nun ging er daran, die spanische Königin zu begrüßen. Und dann elegant einen Bogen zur Musik zu schlagen. Georg erzählt, dass das spanische Königshaus ein Stradivari-Quartett besitze – zwei Violinen, eine Bratsche und ein Cello. Überleitung geglückt. Es sei eine Ehre, auf solchen Instrumenten spielen zu können, die 12 Cellisten seien stolz, in ihrem Ensemble ebenfalls ein Stradivari-Instrument zu haben. Das Instrument wird stolz hoch gehoben und den rundum sitzenden Zuhörern präsentiert. Erstaunen und Anerkennung sind zu vernehmen. Georg spricht noch allgemein über Instrumente und deren Preise, und erläutert schließlich, dieses Stradivari sei eine Leihgabe der Deutschen Bank!

„Das kam gar nicht gut an. Im Saal setzte ein unheilvolles Raunen und Getuschel ein.“ Die Cellisten möchten geschlossen im Bühnenboden versinken. Das Konzert kommt hingegen gut an. Der Weltsparkassentag ist begeistert. Georg überreicht galant die Blumen an die spanische Königin Sofia.

Er lässt sich allerdings hinreißen, zum Abschluss noch ein paar nette Worte zu sagen, und ehe es die Kollegen verhindern können, erzählt er den kräftig applaudierenden Zuhörern, er hätte gar nicht gedacht, dass ein Kongresspublikum so begeisterungsfähig sei! „Es war der Tiefpunkt meiner Moderationskarriere. Hinterher habe ich mir geschworen, nie wieder ein Mikrofon in die Hand zu nehmen.“

Nach dem Konzert lobten Zuhörer die „unterhaltsamen“ Worte, die spanische Königin lud die Cellisten an den spanischen Hof ein, und zwei Wochen später rief die Dame vom Sparkassenverband an und erzählte, der Direktor sei so begeistert gewesen, man wolle die 12 unbedingt wieder engagieren …



Der doppelte Ritterschlag

Südamerikanische Lorbeeren

Januar 2000. Die 12 Cellisten haben gerade ihre CD „South American Getaway“ eingespielt, die erste CD der »jungen« Gruppe. Man ist sehr zufrieden mit sich, „die war richtig gut geworden, wir waren alle völlig high, es war wie eine Wiedergeburt der 12 Cellisten“.

Im Mai begeben sich die Berliner Philharmoniker auf eine Südamerikatournee. Auch Buenos Aires steht auf dem Reiseplan. Nach dem Konzert mit der 3. Sinfonie von Gustav Mahler unter Claudio Abbado im herrlichen Teatro Colon möchte die durch ihre CD-Produktion vom Tangofieber infizierte Cellogruppe die Gelegenheit wahrnehmen, die Stadt als „Wiege des Tangos“ näher kennen zu lernen. In einer schummrigen Bar betreiben die philharmonischen Cellisten Feldforschung und beweisen schlaf- und trinktechnisch Ausdauer. Denn erst gegen zwei Uhr früh beginnen die argentinischen Tangomusiker, ihre leidenschaftliche Musik zu spielen. Stumm und schwermütig bewegen sich dicht gedrängt die tanzenden Paare. Bis etwa vier Uhr.

Plötzlich verstummt die Kapelle. Aus den Lautsprechern ertönt überraschend ein ganz anderer Klang.
– Moment mal, das kennen wir doch!! –
Jemand hatte dem Kellner eine frisch gepresste South-American-Getaway-CD in die Hand gedrückt: „ Könnten Sie vielleicht mal diese CD …?“ Es erklingt Horacio Salgáns A fuego lento – gespielt von den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker. Kein Stocken, kein Aufschrei, kein Murren. Nein, die Leute tanzen ganz einfach weiter – etwas langsamer vielleicht, als das temperamentvolle philharmonische Tempo es will, aber sie akzeptieren es als ihren Tango: Ritterschlag Nr. 1.

Am nächsten Tag gibt die Firma EMI zu Ehren der 12 Cellisten einen Empfang, um ihre neue CD „South American Getaway“ zu präsentieren. Die 12 wollen dazu live einige Tangos spielen. Im Ballsaal des Interconti-Hotels treffen festlich gewandete Damen und Herren ein. Und da erscheinen wie aus dem Bilderbuch, in Gamaschen, mit Stock und Zwicker die Legenden des Tangos: Horacio Salgán, der hochbetagt auch jetzt noch in seiner Bar abendlich Tangos spielt, und José Bragato, der wunderbare Cellist aus dem Ensemble von Astor Piazzolla. Die Presse lässt sich diesen Auftritt natürlich nicht entgehen, auch das Fernsehen ist zugegen. „Nie waren wir so nervös“, werden die Cellisten später erzählen. Klingt der philharmonische Kunsttango authentisch genug? Zu schnell? Zu deutsch? Zu schwer? Alles wird gut. Kein Kopfschütteln, kein schmerzliches Aufseufzen, kein vorzeitiger Aufbruch. Im Gegenteil: Das Publikum ist begeistert und die argentinischen Meister des Tangos zeigen sich überaus herzlich und loben Spiel und Arrangements der 12: Ritterschlag Nr. 2.

Epilog

Von Claudio Abbado konnte man bislang eher vernehmen, dass Heitor Villa-Lobos ein von ihm nicht so besonders geschätzter Komponist sei. Die Bachianas Brasileiras seien sicher sein bestes Stück, aber … Bis ihm Georg Faust auf der Reise die neue CD der 12 Cellisten in die Hand drückt. Abbado hört sie sich an – und ist plötzlich Feuer und Flamme: „Die Aria von Villa-Lobos können wir doch als Zugabe spielen!“ Das Orchester ist inzwischen im brasilianischen Rio de Janeiro gelandet. Das dortige Konzert endet mit einer umjubelten 7. Sinfonie von Beethoven, und energisch verlangt das Publikum nach einer Zugabe. Da betritt eine (extra engagierte) Sängerin die Bühne. Sie stellt sich vor die Cellisten, Claudio Abbado hebt den Taktstock. Es erklingt die Aria aus den Bachianas Brasileiras. „Das Publikum reagierte enthusiastisch, die Leute waren völlig ergriffen, und erst danach wurde uns klar, dass wir ja die heimliche Nationalhymne Brasiliens gespielt hatten“, erzählt Georg später. Und neben all dem Lob und Applaus gibt es eine Belohnung: Claudio Abbado lädt die gesamte Cellogruppe in Rio zum Essen ein! Ritterschlag Nr. 3.

Die 12 in Rio de Janeiro mit Claudio Abbado, 2000


Geflügelte Cellistenworte

In der Zeit, als Rudolf Weinsheimer und Christoph Kapler noch bei den 12 Cellisten spielten, galten beide im Ensemble gewissermaßen als die Antipoden. Und das nicht nur als Typen, sondern auch als Musiker, was sich dahingehend äußerte, dass Rudolf Weinsheimer manchmal gern „ein wenig zu schnell“, Christoph Kapler manchmal gern „ein wenig zu langsam“ zu musizieren beliebten. Sie saßen auch noch genau nebeneinander, Cello 7 und Cello 8. Da entstand dann eine Art „divergierendes“ Feld, eine Sollbruchstelle, an der es irgendwann zur ungeplanten Eruption kommen musste. Nach kurzem, aber heftigen Wortwechsel der beiden, wer denn an der entstandenen Misere Schuld sei, kam dann, kombiniert mit einer abrupten Handbewegung, die zwischen den beiden Kontrahenten hindurchfuhr, der alles beendende Ruf: „Hier ist die Wand!!!“ Auch heute noch, wenn’s heftig kriselt, vermag dieser Ausruf streitende Cellisten auf das Terrain kooperativer Grundhaltung zurückzuführen.

Es kommt vor, dass in der Probe etwas musikalisch überhaupt nicht funktionieren will. Man doktert herum, probiert aus, versucht es mit gutem Zureden, und schnell gibt es 12 Meinungen, woran es denn liegen mag. Christoph Kapler prägte den Spruch, der auch jetzt noch mit Sicherheit kommt, wenn das Ensemble sich bei der Probenarbeit festgefahren hat: „Die Stelle war noch nie ein Problem!“



Fernöstliche Verirrungen

Martin Menking auf Hotelsuche

Der Zeitpunkt war alles andere als günstig. Martin Menking gehörte noch nicht fest zum Orchester, sondern befand sich in der Phase, in der man sich keine Schnitzer leisten sollte: dem Probejahr. Man sollte immer gut spielen, immer nett zu den Kollegen sein – und auf jeden Fall immer pünktlich zu Proben und Konzerten erscheinen.

Juli 1996. Asien-Tournee der 12 Cellisten. Erste Station ist eine japanische Kleinstadt. „Wir kamen mittags mit dem Bus vom Flughafen an. Ich wollte mich nach dem langen Flug bewegen und frische Luft schnappen.“ Wie eine ganze Reihe seiner Kollegen ist Martin begeisterter Jogger. Die Stadt wirkt übersichtlich. Nach zwei Minuten ist er völlig durchgeschwitzt, nach zehn Minuten ächzen die Atemwege unter der schlechten Luft und der hohen Luftfeuchtigkeit. Lieber umkehren. Ein Blick zurück – das Hotel ist weg! Komplett versunken im Häusermeer.

Noch 60 Minuten bis zur Abfahrt zum Konzert.
„Ich dachte, wenn ich jetzt weiterjogge, falle ich tot um.“ Er kehrt um.

Noch 50 Minuten bis zur Abfahrt.
Kein Hotel in Sicht. In den Laufschweiß mischt sich leichter Angstschweiß. „Shit, das hatte keinen Sinn, ich musste mich durchfragen. Aber wie?“ Ein Fitness-Studio verheißt Rettung. Erste Frage an die lächelnde junge Dame hinterm Tresen: „Do you speak English?“ Sie nickt: „Hai, hai, yes.“ Martin versucht, ihr zu erklären, dass in einem Hotel in der Stadt 12 Cellisten seien, das Hotel sei relativ groß, relativ gut und relativ nah, und heute Abend …
„Irgendwann merkte ich, dass sie nichts verstand. Sie tippelte weg, und zwei andere junge Damen erschienen. – Do you speak English? – Hai, yes.“ Schnell stellt sich heraus, dass die beiden Japanerinnen des Englischen ebenso mächtig sind wie ihre Kollegin.

Noch 40 Minuten bis zur Abfahrt.
„Ich fing trotz Klimaanlage noch mehr an zu schwitzen, bekam ein Handtuch umgelegt, jemand drückte mir eine dicke japanische Version der Gelben Seiten in die Hand“. „Wie soll ich das lesen??“ Hastig blättert er die Abteilung „Hotels“ durch und findet tatsächlich eine Abbildung, die zu passen scheint. „Die Häuser sehen ja alle gleich aus, aber ich dachte, das könnte das Hotel sein.“ Er ruft an: „Do you speak English “ – „Hai, hai,yes.“ Nicht wirklich. Kein Englisch, keine 12 Cellisten, keine Berliner Philharmoniker.

Wegsuche auf dem Gelände der alten Glasfabrik in Berlin-Stralau, 2001Noch 30 Minuten bis zur Abfahrt.
Schließlich kommt der Chef des Fitness-Studios. „Ich rief ihm zu: Hotel! 12 Cellisten! Berliner Philharmoniker! Sehr freundlich wollte er mir ein Hotel raussuchen. Ich versuchte, ihm klar zu machen, dass ich kein Hotel bräuchte! Ich hätte schon eins! Ich würde da wohnen! Ich müsse da jetzt ganz, ganz schnell hin!“

Noch 20 Minuten bis zur Abfahrt.
„Ich war wahnsinnig panisch!“ Martin fällt ein, dass der Cellisten-Bus auf der Fahrt vom Flughafen unmittelbar vor dem Hotel rechter Hand ein Rotlichtviertel passiert hatte. Er schreit den Japaner an: „Red-light district! Prostitutes!“ – keine Reaktion. „Beautiful women!!“ – zögerndes Nicken. „Big boops!!!“ („große Brüste!!!“) und dazu eine entsprechend ausladende illustrierende Handbewegung: “Oh, yes, hai, hai, yes, yes, I understand, yes, hai!!“

Noch 10 Minuten bis zur Abfahrt.
»Die Kleidung klebte mir am Leib. Mir war kalt. Der Manager telefonierte aufgeregt.« Es stellt sich heraus, dass Martin eben genau das richtige Hotel angerufen hatte. Schließlich gelingt es auf japanisch, Georg Faust an die Leitung zu bekommen. »Als der dann einfach nur ›Hallo‹ sagte, ging für mich die Sonne auf!« Noch 5 Minuten bis zur Abfahrt. Das Hotel ist tatsächlich nur 200 Meter entfernt. Als Martin dort abgehetzt eintrifft, kommt ihm aus dem Aufzug, gelassen schlendernd, im Dinner-Jacket und bühnentauglich frisiert, Christoph Igelbrink entgegen: „Entschuldige mal, wo kommst du denn her, wir haben doch gleich Konzert?!?“

„Als ich dann bei der Anspielprobe erzählte, was mir passiert war, kam Wolfgang Boettcher mit einer Geschichte aus England und Götz Teutsch mit einer Geschichte aus Südkorea, wo sie sich ebenso verlaufen hatten. Typisch Cellisten, oder wie?“ Probejahr bestanden.



Das Mikrofon - „War das Absicht?“

Ein Moderations-Höhepunkt des Georg Faust

April 2002, Festkonzert zum 30-jährigen Jubiläum der 12 Cellisten im Salzburger Mozarteum. Auf dem Programm: Die Uraufführung von „Schampeng“ von Hans-Joachim Hespos, Auftragswerk der Salzburger Osterfestspiele.Vom Komponisten auch bezeichnet als „Geburtstags-Szenenmusike“. Teil der Komposition ist ein Auftritt, der planmäßig verunglückt: Die Musiker kommen auf die Bühne, aber nichts ist vorbereitet.

Also machen sie sich mit skurrilen, übertriebenen Gesten daran, ihre Notenpulte und Stühle selbst aufzubauen. Alles ist mit Hilfe von zwei Choreografen einstudiert worden. Sie stolpern, verrenken sich, machen allerhand Geräusche, lassen die Saiten knallen, geben Zisch-und Knurrlaute von sich, spielen dazwischen einen waschechten Tango, kratzen und schaben, unterhalten sich und kommentieren das Spiel. Am Ende schließlich ziehen sie Pistolen (hier scheitert Dietmar Schwalke, denn er bekommt seinen Revolver nicht aus der Hosentasche, das war allerdings nicht einstudiert!). Es wird munter in die Luft geschossen, weitere Personen betreten die Bühne, schütteln Champagner und lassen Korken knallen – eben „Schampeng“ zum dreißigsten. Das Publikum ist erheitert, es gibt starken Applaus, das Werk ist der Gesprächsstoff der anschließenden Konzertpause.

Der 2. Konzertteil beginnt. Unruhe am ersten Pult. Ludwig Quandt gestikuliert, steht auf und verlässt schulterzuckend die Bühne: keine Noten! Georg Faust denkt „Das wird dauern, ich sag’ derweil ein paar unterhaltende Worte“ und begibt sich zu einem auf der Bühne stehenden Mikrofon. Dies erweist sich als unwillig. Es sitzt fest in der Halterung des Ständers. Georg rüttelt und schüttelt, zieht mit einem kräftigen Ruck an dem widerspenstigen Teil – plopp, geschafft, er hält das Mikrofon in Händen. Leider ist das Kabel abgerissen. Gelächter im Saal. Schon kriecht er über den Boden, um das Kabelende zu finden. Georgs Mimik lässt Verzweiflung erkennen. Schließlich hat er das Kabel, er nestelt am Mikrofon, bis das Kabelende zum Mikrofonanfang passt, „kricks“, ja, es ist eingerastet! Er holt tief Luft und hebt gerade an, etwas zu sagen – als Ludwig Quandt die Bühne betritt, freudestrahlend mit seinen Noten wedelnd. Georg sieht’s, steckt mit leichter Hand das Mikrofon in den Ständer, und beide setzen sich schnell auf ihre Stühle. Riesengelächter im Publikum, Applaus.

Eine brillante Szene, die dem Opus von Hespos hätte entsprungen sein können.
Merke: Nicht alles, was schief geht, ist von Hans-Joachim Hespos.
Oder: Die besten Kompositionen schreibt manchmal das Leben selbst!



Pleiten, Pech und Pannen

Ein taiwanesischer Horrortrip

„Das mit Spannung erwartete Konzert der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker wurde durch eine Kette von Ereignissen fast verhindert.“ So begann der Artikel in der Taipeh Times, der nach einem Gastspiel des Ensembles in Taiwans Hauptstadt erschien. Zunächst platzte bei der Landung in Taipeh dem Flugzeug ein Reifen.

- Ruhig Blut! Wir sind ja erst 16 Stunden geflogen, zwei Mal umgestiegen und haben fünf Stunden auf Flughäfen gewartet, da kommt es auf ein paar Minuten (oder Stunden?) Wartezeit auf dem Rollfeld auch nicht mehr an. Das Konzert soll ja erst in einigen Stunden stattfinden, wir können warten, sollen die nur in Ruhe den Schaden begutachten!
Gott sei’s gedankt, alles nicht so tragisch, es dauert nur ein knappes Stündchen.

Auschecken
- Aber eigentlich hatten wir doch zwei Koffer mehr?
Stimmt. Da ist den Herrschaften vom Bodenpersonal wohl ein Fehler unterlaufen.
- Na, macht nichts, kann schließlich schon mal vorkommen.
Unerfreulich, dass in den beiden Koffern auch die Konzertkleidung und die Noten zweier Cellisten Asia-Tour 2002, Künstlerzimmerstecken. Immerhin können um vier Uhr nachmittags alle 12 durch die Drehtür in das Hotel rotieren, und nachdem man fast 24 Stunden unterwegs war, sind zwei Stunden Pause bis zur Abfahrt in die National Concert Hall doch recht großzügig bemessen.
- Bestens. Nur die beiden Koffer fehlen noch.

19 Uhr. Anspielprobe. Keine Koffer, keine Noten …
- Was machen wir bloß, wenn ...

20 Uhr. Konzertbeginn. Immer noch stehen zwei Cellisten im T-Shirt und ohne Noten da, man überlegt, ob jetzt vielleicht alle im T-Shirt und ohne Noten auftreten sollten. Da rumpelt was ... An der Hand zweier hechelnder Taiwanesen kommen zwei Koffer durch den Künstlereingang hereingestolpert.
- Na prima, schnell umziehen. Noten sortieren wir auf der Bühne.
Im Saal wird es allmählich unruhig.

- Einmal durchzählen, alle da? Neun, zehn, elf. Moment, wo steckt Georg? Alle Mann ausschwärmen zum Suchen! Have you seen a cellist? Ach, Sie sprechen kein Englisch!
Sieben Minuten später kann das Konzert tatsächlich beginnen – alle 12 tragen ihren Konzertsmoking, haben ihre Noten unter dem Arm, und richtig, Georg Faust ist auch wieder da. Er hatte sich leichtsinnigerweise ohne Kompass auf die Suche nach einem stillen Örtchen begeben. Dabei sind die Herrentoiletten eigentlich leicht zu finden: Den Gang runter, die dritte Tür rechts, die Treppe hoch in den zweiten Stock, durch die Glastür, links halten und gleich scharf rechts, dann ist es die zweite Tür (oder war’s doch die dritte?) auf der rechten Seite.

Das Konzert lief übrigens blendend! Oder kam uns das nur so vor??



Unannehmlichkeiten

Eine Geschichte über die Risiken des Konzertlebens

Deutschlandtournee, 6. Januar 2001. München, Herkulessaal.
Die 12 Cellisten hatten lange nicht in München gespielt, und um 20 Uhr sollte das mit Spannung erwartete Konzert beginnen.

Es ist 19 Uhr 30.
Im Foyer ist nur ein Karten-Schalter besetzt (aus Kostengründen …!), denn der Veranstalter rechnet nicht mit viel Andrang. Er hatte auch nicht damit gerechnet, dass es dem findigen PR-Manager der 12 Cellisten gelingen würde, in der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung termingerecht einen großen Artikel über das Ensemble unterzubringen. Vor der Abendkasse steht eine riesige Schlange. Hinter dem Garderobentresen versucht eine einzelne Dame (aus Kostengründen …!) verzweifelt, dem Ansturm von Mänteln, Jacken, Hüten, Schirmen, Taschen und Rucksäcken Herr zu werden. Gut, dass dies den zuständigen Konzertagenten nicht aus der Ruhe bringt. Ab und zu an seinem Bier nippend, schaut er dem hektischen Treiben interessiert zu und unterhält sich gleichzeitig mit drei reizenden jungen Damen.

Es ist 20 Uhr.
Im halb gefüllten Saal wächst die Unruhe, denn eigentlich soll das Konzert jetzt beginnen.
Danach sieht es aber gar nicht aus. Alle Saaltüren sind weit geöffnet, und der Publikumszustrom hält munter an. Im Künstlerzimmer warten die 12 Cellisten angespannt auf ein Signal, dass sie die Bühne betreten können. Dabei sind sie froh, selbst auftrittsbereit zu sein: Auf der Zugfahrt von Hamburg nach München hatte sie die Botschaft erreicht, dass die Sopranistin Ana María Martínez, die auf der Tournee der 12 die Bachiana Brasiliera Nr.5 sang, plötzlich erkrankt sei.
Georg Faust: „Ich rief vom Zug aus alle möglichen Agenturen an, aber es war Samstag, und bei allen lief nur der Anrufbeantworter. Über verschiedene Opernhäuser erreichte ich einen Korrepetitor (Klavierbegleiter) in München. Es sollte möglichst wieder eine Südamerikanerin sein.
Aber alle waren beschäftigt, es war zu kurzfristig – wir hatten ja nur noch ein paar Stunden Zeit bis zum Konzert. Und es ist kein Stück, das jeden Tag drankommt. Mit glühenden Ohren erreichte ich schließlich eine Mexikanerin, die in München am Theater am Gärtnerplatz engagiert war und die einspringen konnte.“

Es ist 20 Uhr 10.
Am Eingang spitzt sich die Lage dramatisch zu: Einzelne Besucher fangen an, sich gewaltsam einen Weg in den Herkulessaal zu bahnen, da es ihnen unmöglich scheint, noch rechtzeitig an ihre Karten zu kommen. An der Garderobe beginnen selbst seriöse Konzertgänger, über den Tresen zu klettern und ihre Mäntel selbst zu versorgen.

Es ist 20 Uhr 15.
Im Saal selbst herrscht ein einziger Tumult. Der Balkon sollte eigentlich geschlossen bleiben (aus Kostengründen …!), und Leute, die Karten für den Balkon hatten, wurden ins Parkett geschickt. Dann war wegen der nicht versiegenden Publikumsflut der Balkon wieder geöffnet und das Parkett weiterverkauft worden, was dazu geführt hatte, dass Plätze im Parkett doppelt belegt waren. Dass der Balkon überhaupt wieder freigegeben wurde, war Olaf Maninger zu verdanken, der – anstatt sich einzuspielen – mit einem cellobegeisterten Feuerwehrhauptmann verhandelte, denn es waren nicht genug Feuerwehrleute (aus Kostengründen …!) im Einsatz, um Parkett und Balkon gleichzeitig zu sichern.

Jubiläumskonzert im großen Saal der Philharmonie zum 30-jährigen Bestehen der 12 Cellisten, 5. Oktober 2002Es ist 20 Uhr 30.
Endlich haben alle ihren Platz im ausverkauften (!) Saal, und auch die Cellisten sitzen endlich auf der Bühne. Sie blicken in gerötete Gesichter und abgekämpfte Frisuren. Eine völlig aufgelöste Veranstalterin erklimmt stolpernd die Bühne. Ihre Darbietung wird zum ersten Höhepunkt des noch nicht begonnenen Konzertes: “Meine … (Pfiffe) sehr verehrten ... Damen und Herren, für die entstandenen Unannehmlichkeiten (Buh!!) möchte ich mich ... ganz herzlich ... be...danken!!“ Gelächter, Kopfschütteln, Zwischenrufe: Der Herkulessaal ist ein Tollhaus.

Es dauert einige Zeit, bis sich die Gemüter beruhigen, und Georg fällt nun die dankbare Aufgabe zu, eine wichtige Ansage zu machen. Eines ist nämlich völlig in Vergessenheit geraten. „Sehr geehrte Damen und Herren, ein Unglück kommt selten allein. Für das, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe, können wir auch nichts … (erwartungsvolle Stille) Die angekündigte Sängerin, Frau Martínez, ist erkrankt und hat vor drei Stunden abgesagt.“ Ungläubiges Staunen … entgeisterte Blicke … erste Konzertbesucher bahnen sich den Weg nach draußen. Die Situation scheint gänzlich aus dem Ruder zu laufen.

Georg erzählt hinterher: „Ana María ist eine wunderbare Sängerin, auf dem Weg zu Weltruhm, und viele waren extra wegen ihr ins Konzert gekommen. Einen kurzen Moment dachte ich, das Konzert müsse ausfallen. Wir konnten uns nur entschuldigen. Gott sei Dank hatten wir ja eine Ersatzsängerin … Aber dann sind nur wenige Leute gegangen, die meisten wollten ganz einfach, dass es endlich losging. Die Stimmung im ersten Teil des Konzerts war dann noch ziemlich angespannt, aber im zweiten Teil kamen wir unheimlich in Schwung, und zum Schluss wurde es ein Riesenerfolg. Der ganze Aufruhr hatte uns emotional richtig angeheizt. Am Ende waren sich alle einig, ein ungewöhnliches Konzert erlebt zu haben!“

 



Klopfereien

Dietmar Schwalke und die Tücken des Fingersatzes

Der israelische Komponist Noam Sheriff hat ein Stück für die 12 Cellisten geschrieben, Tre’y-Assar, bei dem jeder einzelne eine Kadenz zu spielen hat – was schon zu Rangeleien führte, wer denn die längste und schwierigste Kadenz spielen dürfe. Dietmar Schwalke kann sich auf jeden Fall nicht beklagen, enthält seine Kadenz doch einen wirkungsvollen Sprung in höchste Lagen (in den „ewigen Schnee“), der nicht unproblematisch zu bewerkstelligen ist, mit dem sich aber gehörig Eindruck schinden lässt.

Er hat sich einen Fingersatz zurechtgelegt, mit dem er den hohen Ton vor dem eigentlichen Erklingen prüfend „anklopfen“ kann. Das hört das Publikum nicht – aber leider die Kollegen. Nachdem anfänglich nur ein bisschen gegrinst wurde, haben die inzwischen nichts Besseres zu tun, als den kadenzierenden Dietmar mit einem allgemeinen Geklopfe zu imitieren. Und das im Konzert: „Tapp, tapp, tapp.“ „Das ist so gemein, ich kann die Stelle eigentlich gar nicht mehr vernünftig spielen. Ich habe schon andere Fingersätze probiert, aber der Klopffingersatz funktioniert leider am besten.“

Liebes Publikum: Wenn’s im Konzert klopft, begehrt nicht unbedingt jemand Einlass!



Saitensprung

Ludwig Quandt auf dem Weg zum Weltrekord?

Es kann bei den 12 Cellisten vorkommen, dass man hingerissen ihrer Musik lauscht und dabei eher unauffällige Höchstleistungen nicht bemerkt. So sollten Sie den Solocellisten Ludwig Quandt nicht aus den Augen lassen. Sie haben eine reelle Chance, Zeuge einer kleinen artistischen Meisterleistung zu werden. Vermutlich aufgrund eines etwas scharfkantigen Steges pflegt Ludwigs A-Saite gerne im unpassenden Moment – etwa im Konzert – den Dienst zu quittieren: Ohne Vorwarnung reißt sie einfach durch.

So geschehen vor 5000 Zuhörern im August 2000 bei den Londoner Proms in der Royal Albert Hall. Auf dem Programm: Twelve Angry Men von Brett Dean – da muss man schon mal richtig ärgerlich rangehen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf: Mit leisem „Plopp“ zerlegt sich Ludwigs A-Saite in zwei Teile, just an der Stelle, an der laut Notentext Ludwig sowieso eine Pause hat. Was jetzt folgt, geht so rasend schnell, dass selbst die Kollegen auf dem Podium nichts davon mitbekommen: Die Trümmer der alten Saite werden ausgefädelt und umweltgerecht entsorgt, die im Smoking verstaute Ersatzsaite wird mit geübtem Handgriff wie nebenbei hervorgeholt, am Saitenhalter eingehängt, über den Steg gezogen, flink und geschickt in den Wirbel eingefädelt, gespannt, und mit leisem Zupfen gestimmt. Gratulation: 29,1 Sekunden! Und der nächste Einsatz kam genau richtig und ganz selbstverständlich, als wäre nichts gewesen. Ludwig hatte keine Note verpasst.

Auf der Südamerika-Tournee hatte er es allerdings in 28,4 Sekunden geschafft. Also: fleissig weiterüben!

14.9.2003 Konzert zum Tag der Musik zur 40-Jahrfeier der Philharmonie